Erst verarbeiten, dann neu starten – worauf es nach einer Kündigung ankommt
Meine Erfahrung mit Kündigungen
Es gibt ein Muster, das mir in den letzten Jahren immer wieder begegnet. In meinen eigenen Coachings – und genauso in meiner Supervisionsgruppe von supervision.partners, in der wir regelmäßig zusammenkommen und unsere Arbeit als Coaches reflektieren.
Jemand kommt ins Coaching. Der Wunsch ist klar: Neuorientierung. Oder Unterstützung im Bewerbungsprozess. Der Auftrag steht. Große Motivation scheint vorhanden. Und trotzdem merke ich, dass die Handbremse noch angezogen ist.
Was dann sichtbar wird, manchmal schon im ersten Gespräch, manchmal braucht es ein paar Sessions, ist oft dasselbe: Da ist noch etwas anderes. Ein Schmerz, der noch nicht ausgesprochen wurde. Eine Verletzung, die zwar schon ein paar Monate alt ist – aber noch nicht wirklich angekommen. Eine Kündigung, die auf dem Papier längst abgewickelt ist. Innerlich aber noch nicht.
Darum geht es in diesem Artikel.
Die Agenda sagt: Neuorientierung.
Was fehlt: Verarbeitung.
Viele Menschen, die ungeplant ihren Job verloren haben, haben eine Idee für die plötzlich vorhandene Zeit in der Freistellung oder auch in den ersten Wochen der Arbeitslosigkeit: Endlich mal Luft holen, nachdenken, neu aufstellen.
Und trotzdem stellt sich das Gefühl, das sich viele erhofft hatten, nicht so richtig ein.
Warum?
Weil „Verarbeitung“ auf der Agenda nicht wirklich vorkommt. Was darauf steht, ist: LinkedIn-Profil, Lebenslauf, Netzwerk aktivieren, Zielunternehmen recherchieren. Alles sinnvoll. Alles richtig. Aber zur falschen Zeit – wenn der Boden dafür noch nicht bereitet ist.
Wer noch mitten im Schmerz steckt – und dieser Schmerz muss nicht laut sein, er kann auch ganz leise und nach außen kaum sichtbar sein – der wird im Bewerbungsprozess selten das zeigen können, was wirklich in ihm steckt. Die Energie ist gebunden. Gedanken kreisen. Entscheidungen, die in diesem Zustand getroffen werden, sind häufig reaktiv. Nicht wirklich selbstbestimmt.
Das ist kein Vorwurf. Das ist einfach menschlich.
Was eine Kündigung wirklich auslöst
Eine Kündigung ist für die meisten Menschen kein rein berufliches Ereignis. Sie ist ein Einschnitt. Manchmal ein tiefer.
Der Verlust des Arbeitsplatzes kann ähnlich belastend sein wie das Ende einer Partnerschaft. Das klingt erstmal übertrieben – bis man genauer hinschaut. Wir verbringen einen Großteil unserer Wachzeit im Job. Wir definieren uns über das, was wir tun. Wir haben dort Beziehungen, bekommen Rückmeldung, erleben uns als wirksam. Und dann ist das alles weg.
Man verliert die Tagesstruktur. Den sozialen Anschluss – die tollen Kollegen, die Wegbegleiter, manchmal auch die Schwierigen, mit denen man sich irgendwie arrangiert hatte. Auch das fällt weg. Und hinterlässt eine Lücke, die man vielleicht gar nicht erwartet hatte.
- Aber es gibt noch etwas, das meiner Erfahrung nach am häufigsten unterschätzt wird: Man verliert eine Rolle. Eine Rolle, die oft identitätsstiftend war.
„Ich bin diejenige, die dieses Team aufgebaut hat.“
„Ich bin der Abteilungsleiter.“
„Ich bin die, die immer den Überblick behält.“
Diese Rollen sind tief mit dem Selbstbild verwoben. Wenn sie von einem Tag auf den anderen wegfallen – nicht weil man es so wollte, sondern weil jemand anderes das entschieden hat – dann ist das mehr als ein beruflicher Verlust. Dann stellt sich eine ganz grundsätzliche Frage: Wer bin ich eigentlich, wenn ich das nicht mehr bin?
Das ist kein Drama. Aber es ist auch keine Kleinigkeit. Und es braucht etwas Zeit.
- Und dann ist da noch etwas, über das kaum jemand spricht: die Scham. Das leise, manchmal nagende Gefühl, irgendwie gescheitert zu sein. Auch wenn das rational überhaupt keinen Sinn ergibt. Auch wenn man weiß, dass Restrukturierungen, Stellenabbau oder Strategiewechsel nichts mit der eigenen Leistung zu tun haben. Das Gefühl kommt trotzdem. Und es hält viele davon ab, offen darüber zu reden – im Freundeskreis, in der Familie und auch im Netzwerk.
- Hinzu kommt oft das Gefühl, nicht wertgeschätzt worden zu sein. Jahrelang Einsatz, Loyalität, Ergebnisse – und dann ein sachliches Gespräch, ein Aufhebungsvertrag, fertig. Ohne Würdigung. Ohne echtes Gespräch. Das hinterlässt Spuren, die tiefer gehen als die Kündigung selbst.
Was viele nicht wissen oder sich nicht eingestehen: All das folgt einem Muster. Ähnlich wie bei anderen Verlusten gibt es typische Phasen – Schock und Unglaube zuerst, dann Wut oder Trauer, manchmal ein Hadern und Verhandeln mit sich selbst, und irgendwann, wenn der Raum dafür da ist, Akzeptanz. Diese Phasen lassen sich nicht überspringen. Du kannst sie betäuben, übergehen, zupflastern mit Aktivismus. Aber sie kommen wieder – oft an Stellen, wo Du es am wenigsten erwartest.
Der blinde Fleck
Ich erlebe es regelmäßig: Jemand sitzt mir gegenüber, erklärt sachlich und präzise, was als nächstes kommen soll. Der Plan klingt durchdacht. Und dann kommt – oft beiläufig, fast nebenbei – ein Satz wie: „Ich habe alles gegeben. Jahrelang. Und dann das.“
In diesem einen Satz steckt oft mehr als in allen Sessions davor.
Wer noch in der Verarbeitung steckt, ohne es vielleicht selbst so zu benennen, kämpft in der Neuorientierungsphase gegen unsichtbare Widerstände. Das Erarbeiten der Bewerbungsunterlagen fühlt sich zäh an. Das eigene Profil zu formulieren gelingt nicht – weil man noch gar nicht weiß, wer man jetzt ist, wenn die alte Rolle nicht mehr trägt. Entscheidungen werden aufgeschoben. Oder zu schnell getroffen, einfach um aus dem unangenehmen Zwischenzustand herauszukommen.
Das ist keine mangelnde Motivation. Das ist ein ganz normaler Schutzmechanismus.
Und genau deshalb macht es einen Unterschied – ich spüre das in meinen Coachings sehr deutlich – ob diese Verarbeitung stattgefunden hat. Oder eben nicht.
Verarbeitung als Grundlage. Nicht als Umweg.
Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass man „erst fertig sein muss“, bevor irgendetwas nach vorne gehen darf. So funktioniert das nicht. Und das wäre auch kein hilfreicher Anspruch.
Aber es braucht Raum. Und jemanden, der zuhört – nicht um zu analysieren oder gleich zu lösen, sondern um wirklich zu hören, was da ist.
In meiner Arbeitsweise – Awareness, Acceptance, Action – bedeutet das: Bevor wir planen, schauen wir hin. Bevor wir Schritte entwickeln, klären wir, was Du gerade wirklich erlebst. Was noch im Raum steht. Was noch ausgesprochen werden will.
Das ist keine Therapie. Aber es ist ein geschützter Raum, in dem das, was nach einer Kündigung zurückbleibt, Platz bekommt. Und in dem die Person – nicht das Problem – im Mittelpunkt steht: Du mit Deinen Bedürfnissen.
Ich erlebe dabei immer wieder, wie sich etwas verändert. Die Energie wird freier. Der Blick nach vorne klarer. Plötzlich kommen Antworten auf Fragen, die nie laut ausgesprochen waren.
Das ist keine Verzögerung des Neustarts. Das ist die eigentliche Grundlage.
Ein Gedanke an Unternehmen
In meiner Supervisionsgruppe haben wir uns irgendwann die Frage gestellt: Was müsste eigentlich sein, damit Menschen nach einer Kündigung besser aufgefangen werden?
Die Antwort, zu der wir gekommen sind, ist eigentlich verblüffend simpel:
4 bis 5 Coaching-Sessions – als fester Bestandteil von Abfindungspaketen oder Trennungsvereinbarungen.
Das ist, gemessen an dem, was in solchen Paketen sonst vereinbart wird, wirklich eine Kleinigkeit. Und dennoch hätte es eine Wirkung, die weit über den monetären Wert hinausgeht.
Denn was Menschen nach einer Kündigung oft am meisten verletzt, ist nicht das Ende an sich. Es ist die Art. Das Gefühl, einfach abgewickelt worden zu sein. Ohne Würde. Ohne Übergang. Ohne das Gefühl, dass die Jahre, die man gegeben hat, irgendjemanden noch interessieren.
Ein professionell begleitetes Coaching in dieser Phase würde genau hier ansetzen. Und ein Signal senden: Du bist als Mensch mehr als deine Funktion. Dieser Übergang ist es wert, begleitet zu werden.
Das ist keine weiche Geste. Das ist in meinen Augen eine kluge unternehmerische Haltung. Und ehrlich gesagt – eine, die ich mir für deutlich mehr Unternehmen wünsche. Und es würde auf das Employer Brading einzahlen!
Wer sich für Coaching im Unternehmenskontext interessiert, findet hier weitere Gedanken: Warum sich Coaching von Mitarbeitern immer lohnt.
Was in diesen Coachings passiert
Kurz gesagt: kein Bewerbungscoaching. Keine Therapie.
Sondern ein Raum, in dem jemand zum ersten Mal in Ruhe sagen darf, was wirklich passiert ist. Wie es sich angefühlt hat. Was verletzt wurde. Was vermisst wird. Was Angst macht – und was vielleicht auch erleichtert.
Danach – und das ist entscheidend – kann der Blick nach vorne gehen. Wer bin ich jenseits meiner letzten Rolle? Was will ich wirklich, wenn ich jetzt nochmal neu anfangen kann? Welche Stärken habe ich mitgebracht, die ich in all dem Trubel vielleicht gar nicht mehr richtig gesehen habe?
Aus dieser Arbeit entsteht etwas, das ich für den wichtigsten Startpunkt halte: innere Stabilität & ein klareres Bild von sich selbst. Und die Energie, die für eine wirklich gute Neuorientierung gebraucht wird – eine, die nicht aus dem Druck des Moments entsteht, sondern aus echtem Wollen.
Zum Schluss
Wer nach einer ungewollten Kündigung schnell weitermacht, macht nicht zwingend etwas falsch.
Aber wer sich die Zeit nimmt – auch für das, was schmerzt – startet nicht nur schneller. Sondern klarer. Bewusster. Mit mehr von sich selbst.
Und manchmal braucht es dafür gar nicht viel. Einen geschützten Raum. Eine ehrliche Frage. Jemanden, der wirklich zuhört.
Wenn Du gerade in genau dieser Situation bist – oder jemanden kennst, für den das gerade passt – melde Dich gerne. Ich begleite Menschen in genau diesem Übergang.
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